Leseförderung an der Waldschule: fächerübergreifend und innovativ

Der Unterricht an der Waldschule Mannheim bietet etwas Neues: Jede Klasse hat ein Plakat erhalten, auf dem ein „Textknacker“ steht. Während Nussknacker Nüsse knacken, haben die Textknacker der Waldschule eine andere Aufgabe: Sie helfen den Schülerinnen und Schülern beim Lesen und Lernen von Inhalten.

Lesen lernen für das Leben.

Die Autorinnen und Autoren von PISA 2018 wissen, dass Leseverständnis nicht nur Sache des Deutsch-Unterrichts ist. Möchte jemand Teil unserer Gesellschaft sein, muss er Texte verstehen, nutzen und über sie nachdenken können. Auch der Schulleiter der Waldschule, Jörg Schuchardt, sieht dies so. Für ihn sind die Textknacker-Plakate eine logische Folge aus den Erfahrungen seiner Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht. Schuchardt möchte mit dem Textknacker „an der Verbesserung und Festigung der Lesekompetenz“ arbeiten, was „positive Effekte auf die Leistungen in allen Fächern hat“. Schuchardts Stellvertreter, Tobias Pfeifer, verspricht sich vom Textknacker eine größere „Sicherheit im Umgang mit verschiedenen Textsorten“. Auch bei Schülerinnen und Schülern kommt der Textknacker gut an. Jasmin ist Schülerin einer 7. Werkrealschulklasse. Sie arbeitet regelmäßig mit dem Textknacker und erkannte einen seiner Vorteile: „Ich finde ihn toll, weil man von jedem Thema mehr lernen kann.“

PISA 2018 – einige Erfolge und alte Bedarfe

Sprechen die Autorinnen und Autoren der PISA-Studie über Lesen, verwenden sie den Fachbegriff Lesekompetenz. Zur Lesekompetenz gehören verschiedene Fähigkeiten, die Schülerinnen und Schüler in Bezug auf das Lesen besitzen – mehr oder weniger stark ausgeprägt. Dazu gehört das Verstehen von Texten und die Fähigkeiten, Informationen aus ihnen zu entnehmen und über diese nachzudenken. Die neueste PISA-Studie zeigt, dass „die mittlere Lesekompetenz der Fünfzehnjährigen in Deutschland (…) mit 498 Punkten signifikant über dem OECD-Durchschnitt“ liegt. Es gibt weiterhin auch besonders leseschwache Jugendliche. Diese Gruppe ist zwar „verhältnismäßig groß“, aber „entspricht in etwa dem OECD-Durchschnitt.“ Jedoch belegt PISA 2018 einen Handlungsbedarf bei Schülerinnen und Schülern, die kein Gymnasium besuchen. Bei dieser Gruppe verfügt fast jeder dritte Schüler über eine nur geringe Lesekompetenz. Dieser Anteil ist sogar deutlich angestiegen im Vergleich zu 2009 und 2015.

Mit dem Textknacker schrittweise zum Verstehen

Philipp Catani ist Lehrer an der Waldschule. Vor zwei Jahren setzte er sich das Ziel, einen Leitfaden für das Lesen und Lernen zu entwerfen. Der Leitfaden sollte leicht verständlich sein und zum Erweitern des Wortschatzes beitragen. Catani las hierzu zahlreiche Bücher: „Ich wollte für mich erst einmal herausfinden, was Lernen fördert und wie ich dies bei meinen Schülern einsetzen kann.“ Er erklärt, er habe einen Textknacker entworfen und diesen gleich im Unterricht eingesetzt. Die aktuelle dritte Version des Textknackers sei das Ergebnis aus Erfahrungen im Unterricht sowie Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen. Die Idee des Textknackers ist keine neue Erfindung. In vielen Schulbüchern stehen Tipps zum schrittweisen Lesen und Verstehen von Texten. Der Textknacker der Waldschule unterscheidet sich von den anderen Textknackern jedoch deutlich. Er verwendet die Methode der ABC-Liste, die von der Erwachsenenbildnerin und Trainerin Vera F. Birkenbihl stammt. Birkenbihl beschäftigte sich Jahrzehnte mit den Themen Denken, Lehren und Lernen. Sie suchte Wege, die das Lernen leichter machen. Einer dieser Wege ist die ABC-Liste, bei der am linken Blattrand von oben nach unten das Alphabet steht. Man versucht, zu jedem Buchstaben ein passendes Wort zu finden. Je mehr Wörter einem zu dem Thema einfallen, desto mehr weiß man darüber. Enis, Schüler einer 7. Werkrealschulklasse, ist der Meinung, dass der Textknacker funktioniert: „Wenn ich die verschiedenen Schritte gehe, verstehe ich den Text auch wirklich.“ Enis‘ Klassenkamerad, Laurentiu, gefällt die Methode der ABC-Liste, weil „sie dir hilft, unbekannte Wörter zu lernen“.

Unterrichtsalltag mit dem Textknacker

Da jede Klasse ihren eigenen Textknacker besitzt, soll in vielen Fächern mit ihm gearbeitet werden. Dieter Völker hat einige Ratschläge für Schulen, die der

Waldschule nacheifern möchten. Völker ist Inhaber von MEDIA EXPRESS in Schwetzingen. Er druckte die Plakate für die Waldschule und empfiehlt „kräftige Farben wie rot, blau und schwarz, weil diese im Gegensatz zu hellen und grellen Farben gut lesbar sind.“ Auch die Lehrerinnen und Lehrer der Waldschule sind zufrieden. Lehrerin Monika Paliga freut sich über das Plakat in ihrem Klassenzimmer: „Einfach super. Ich habe mir gewünscht, dass alle Klassen ein Plakat bekommen, und bisher habe ich nur gute Erfahrungen damit gemacht.“ Stefanie Hagemann war bis November 2019 stellvertretende Schulleiterin der Waldschule und interessiert sich für eine Erfolgskontrolle: „Interessant wäre eine Überprüfung des Status Quo nach einem halben oder ganzen Jahr nach Einführung des Textknackers.“ Denn „Lesekompetenz erhöht die Bildungschancen insgesamt“, so Hagemann. Cat